Kultur

Schwingen erleben: So besuchen Sie ein echtes Schwingfest

Zwei Alphornbläser in Tracht auf einer Bergwiese vor einem Alpgebäude

Als Nationalsport der Schweiz gilt nicht das Skifahren, sondern das Schwingen. Gerungen wird im Sägemehl unter freiem Himmel. Die kräftigen Athleten tragen Zwilchhosen über ihrer Kleidung und packen einander daran, zwischen den Gängen spielt Blasmusik. Als Siegerpreis winkt nicht selten ein lebendiger Stier. Eine Profiliga, hohe Transfersummen oder ein Stadiondach gibt es nicht, das Schwingen hat seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Der Kanton Schwyz gehört zu seinen Kerngebieten. Für Gäste, gerade aus Deutschland und Österreich, ist ein Schwingfest im Sommer eine gute Gelegenheit, Schweizer Brauchtum so zu erleben, wie es tatsächlich gepflegt wird. Hier erfahren Sie, worauf Sie beim Zuschauen achten können und wie Sie an ein Fest kommen.

Die Regeln in Kürze

Zwei Schwinger treten sich in einem runden Sägemehlring gegenüber. Jeder fasst die Schwingerhosen des anderen, also die verstärkten Zwilchhosen, die über der Kleidung getragen werden. Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu werfen. Ein Gang ist gewonnen, wenn beide Schultern (oder der entscheidende Teil des Rückens) das Sägemehl berühren, während der Sieger den Griff an der Hose noch hält. Die Gänge sind kurz und kraftvoll, technisch aber anspruchsvoller, als man zunächst denkt. Es gibt Dutzende Schwünge mit eigenen Namen, etwa den Kurz, den Brienzer oder den Wyberhaken, die über Generationen weitergegeben werden. Kampfrichter benoten jeden Gang. Über das ganze Fest sammeln die Schwinger Punkte, bis der Schlussgang den Tagessieger bestimmt.

Zwei Rituale zeigen, welchen Stellenwert der Respekt in diesem Sport hat. Vor jedem Gang geben sich die Gegner die Hand. Nach dem Gang wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken. Beides gehört fest zum Schwingen und wird nicht bloss zur Schau gestellt.

Warum der Sieger einen Muni gewinnt

Das Schwingen ist bis heute ein Amateursport. Selbst der Schwingerkönig, der alle drei Jahre am Eidgenössischen (ESAF) vor über 50 000 Zuschauern gekrönt wird, erhält im Ring kein Preisgeld. Stattdessen gibt es Naturalpreise aus dem Gabentempel, die von lokalen Gönnern gestiftet werden: einen Muni (Jungstier), Treicheln, Möbel oder Alpkäse. Die besten Schwinger sind im ganzen Land bekannt und gehen trotzdem einem gewöhnlichen Beruf nach. Der Muni kommt meist auf den Hof des Siegers, manchmal geht er gegen Bargeld an den Züchter zurück. Das Bild des Königs mit seinem gehörnten Preis kennt in der Schweiz trotzdem fast jeder.

So läuft ein Schwingfest ab

Kommen Sie an einem Sommersonntag früh zu einem Fest irgendwo in den Hügeln. Auf einer Wiese sind die Sägemehlringe angelegt, in den Festzelten gibt es Kafi und Kuchen. Zwischen den Gängen erklingen Alphorn und Juuz, Familien sitzen mit ihren Picknickdecken rund um die Arena. Am Vormittag laufen die Gänge gleichzeitig auf mehreren Ringen. Es riecht nach Bratwurst und frischem Sägemehl. Zwischen den Runden sitzen die Schwinger mitten im Publikum, denn einen abgetrennten Bereich für Ehrengäste braucht ein Sport nicht, dessen Könige Traktor fahren. Am späten Nachmittag richtet sich beim Schlussgang die ganze Aufmerksamkeit auf einen einzigen Ring. Der Tag endet damit, dass der Sieger auf die Schultern gehoben und der Muni bekränzt wird, während im Festzelt gesungen wird.

Aufgeführt wird hier nichts für Touristen. Als Gast sind Sie deshalb einfach Teil des Publikums, wie alle anderen auch.

So kommen Sie an ein Fest

  • Wann: Die Saison dauert etwa von Mai bis September und erreicht im Hochsommer ihren Höhepunkt. Fast jedes Wochenende findet irgendwo in der Zentralschweiz ein Fest statt, vom Dorf-Schwinget auf der Bergweide bis zum Kantonalen mit Tausenden Zuschauern.
  • Wo: Im Kanton Schwyz finden jede Saison Feste in den Tälern und auf den Alpen statt. Für Gäste am stimmungsvollsten sind die Bergschwinget auf Pässen und Alpen. Den aktuellen Festkalender finden Sie beim kantonalen Schwingerverband oder in den regionalen Agenden. Anstehende Daten veröffentlichen wir zudem in unseren Veranstaltungshinweisen.
  • Tickets: Dorf- und Alpfeste kosten oft wenig bis nichts über das Festabzeichen hinaus. Grosse Kantonale und das Eidgenössische sind dagegen lange im Voraus ausverkauft.
  • Als Gast: Ziehen Sie Kleidung an, die sich für eine Bergwiese eignet. Für die Festzelte brauchen Sie Bargeld. Applaudiert wird für einen guten Wurf, egal welcher Schwinger ihn zeigt. Über die Rituale macht man sich nicht lustig, denn das Abwischen des Sägemehls wird ernst genommen.
  • Anreise: Viele Alpfeste liegen eine Wanderstunde oder eine kurze Seilbahnfahrt über dem Tal, sodass schon der Weg dorthin zum Ausflug gehört. Zu grossen Festen fahren oft Extrabusse.

Schwingen im Kanton Schwyz

Das Schwingen hat seine Wurzeln in Landschaften wie dieser. Hirten massen früher auf den Hochweiden ihre Kräfte, zwischen Mythen und Muotatal liegen die Festwiesen. In manchen Schwyzer Familien steht man seit Generationen im Sägemehl. Unser Magazinbeitrag erzählt diese Geschichte ausführlicher: Sägemehl und Tradition. Wer seinen Sommerbesuch rund um ein Festwochenende plant, findet Anregungen für die Reise im Beitrag Reiseplan Zentralschweiz.

Häufige Fragen

Was ist Schwingen?

Schwingen ist das traditionelle Schweizer Ringen. Die Gegner fassen einander an den Zwilchhosen und versuchen, sich im Sägemehlring auf den Rücken zu werfen.

Warum gewinnt der Sieger einen Stier?

Schwingen ist strikt Amateursport. Die Sieger erhalten deshalb Naturalpreise statt Geld, traditionell einen Muni, Treicheln oder Käse. Das trägt dazu bei, dass der Sport seinen volkstümlichen Charakter behält.

Können Gäste ein Schwingfest besuchen?

Ja, die Feste sind öffentlich und Gäste sind willkommen. Da nichts für ein Publikum inszeniert wird, erleben Sie das Fest so, wie es ist. Für den Einstieg eignen sich besonders die kleinen Bergfeste.

Wann ist Schwing-Saison?

Die Saison dauert etwa von Mai bis September, an den meisten Sommerwochenenden finden Feste statt. Das Eidgenössische, an dem ein Schwingerkönig gekürt wird, findet alle drei Jahre statt.

Muss ich Schweizerdeutsch verstehen?

Nein. Nach etwa drei Gängen erklärt sich der Sport von selbst. Und um eine Bratwurst zu bestellen, genügt es, darauf zu zeigen.

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