Muotatal: Die Schweiz abseits der Pfade
Zwanzig Minuten von den Ausflugsschiffen des Vierwaldstättersees entfernt liegt ein Tal, in dem vieles wirkt, als wäre die Zeit langsamer vergangen. Das Muotatal ist tief und eng und stösst an seinem Ende an die Karstwände der Glarner Alpen. Hier hat sich die Zentralschweiz viel von ihrer Wildheit bewahrt. Unter den Wiesen liegt die längste Höhle des Landes, auf den Höhen wächst einer der letzten Fichtenurwälder Europas. Im Dorf leben Bauern, die das Wetter erstaunlich treffsicher voraussagen. Gesprochen wird ein Dialekt, an dem selbst andere Schweizer scheitern. Wer die «urchige Schweiz» sucht, findet sie hier.
Die Wetterschmöcker
Über das Tal hinaus bekannt sind vor allem seine Wetterprognosen. Die Wetterschmöcker sind eine Institution im Dorf. Es sind Bauern und Waldarbeiter, die zweimal im Jahr vor vollem Saal und vor den Kameras des nationalen Fernsehens ihre Langfristprognosen abgeben. Sie stützen sich dabei auf Ameisenhaufen, Tannzapfen, das Verhalten der Füchse und jahrzehntelange Beobachtung der Berge. Die Auftritte sind halb Brauchtum und halb Kabarett, hinter den Sprüchen steckt aber eine gründliche Kenntnis der Gegend. Die öffentlichen Prognose-Versammlungen im Frühling und im Herbst stehen auch Gästen offen. Man muss nicht jedes Wort im Dialekt verstehen, um dort einen vergnüglichen Abend zu erleben.
Die Unterwelt: Hölloch und Karst
Unter dem Talboden erstreckt sich das Hölloch, mit über 210 km erforschten Gängen die längste Höhle der Schweiz. Sie ist das ganze Jahr auf geführten Touren zugänglich, vom leichten Rundgang bis zur Expedition über mehrere Tage. Alles Wissenswerte zum Besuch finden Sie im Beitrag Hölloch: Unterwegs in einem der grössten Höhlensysteme Europas.
Über Tag hat dasselbe Wasser den Kalk der Silberen zwischen Muotatal und Pragelpass geformt. Entstanden ist eine Landschaft aus zerfurchtem weissem Fels, die an die Oberfläche des Mondes erinnert. Die Silberen gehört zu den grössten Karstgebieten der Alpen und lässt sich auf markierten Routen erwandern. Bleiben Sie dabei auf der Markierung, denn in den tiefen Rinnen der Karren verletzt man sich leicht am Knöchel.
Der Urwald Bödmeren
Auf dem Karstplateau wächst der Bödmerenwald, einer der grössten Fichtenurwälder der Alpen. Seine Bäume haben nie eine Axt gesehen. Manche sind Jahrhunderte alt und zu Formen verwachsen, die es in einem bewirtschafteten Wald nicht gibt. Wege ab der Pragelpassstrasse führen durch das Reservat. Wer an einem nebligen Morgen hier unterwegs ist, bekommt eine Ahnung davon, wie die Wälder der Alpen einmal ausgesehen haben.
Die Geschichte von Suworow
Im Herbst 1799 führte der russische General Suworow 20 000 erschöpfte Soldaten über den verschneiten Chinzig-Pass ins Muotatal. Im Tal lieferte sich seine Armee Gefechte mit den Franzosen, danach entkam sie über den Pragel. Der Marsch ist bis heute ein bekanntes Kapitel der Militärgeschichte. Die ViaSuworow zeichnet die Route nach. Unsere Etappe über den Chinzig Chulm hinunter nach Muotathal ist eine lange und anspruchsvolle Tagestour für ausdauernde Wanderer. Alle Angaben zur Etappe: Von Biel-Kinzig durch das Chinzertal nach Muotathal. Das Frauenkloster in Muotathal, in dem Suworow Kriegsrat hielt, steht noch heute.
Unterwegs im Tal
- Husky-Trekkings: Das Team der Husky-Lodge im Tal bietet im Winter Erlebnisse mit Schlittenhunden und im Sommer Wanderungen mit den Hunden an. Bei Familien ist das Angebot sehr beliebt.
- Wandern für jedes Niveau: Die Wege reichen von Uferwegen entlang der glasgrünen Muota bis zu anspruchsvollen Gipfeln. Für Geübte besonders lohnend sind die Tour auf den Muotataler Hausberg und die lange Route ab Saliboden. Die Tourseiten: Von Schwarzenbach auf den Wasserbergfirst und nach Muotathal und Vom Saliboden über das Pfaffenkreuz zum Pragelpass.
- Glattalp: Im Bisistal, einem Seitental des Muotatals, bringt Sie eine Seilbahn auf die Hochebene, auf der die Schweizer Kälterekorde gemessen werden. Im Sommer lädt sie zur Wanderung rund um den See. Mehr dazu: Glattalp: Der kälteste Ort der Schweiz und wie Sie ihn besuchen.
- Winter: Das Tal bietet ruhiges Gelände für Skitouren und Schneeschuhwanderungen. Dazu kommt die Expeditionssaison im Hölloch, sodass es auch in der kalten Jahreszeit viel zu erleben gibt.
Woher der Charakter kommt
Das Muotatal war jahrhundertelang ein hartes Land. Die Menschen bewirtschafteten steile Wiesen, holten Holz aus den Hängen und rangen dem Karst, der jeden Regentropfen schluckt, ihr Auskommen ab. Daraus sind eine grosse Eigenständigkeit und eine kräftige Volkskultur gewachsen. Dazu gehört der Muotataler Naturjuuz, der zu den lebendigen Traditionen der Schweiz zählt. Ebenso typisch ist jener trockene Humor, den die Wetterschmöcker bekannt gemacht haben. Tourismus gibt es, aber er richtet sich nach dem Tal. Sie finden Familienbeizen, Alpkäse direkt ab Hof und Einheimische, die sich gern Zeit für einen Schwatz nehmen, wenn man selbst das Gespräch sucht.
Praktisches
- Anreise: Der Bus 501 fährt ab Schwyz durch das ganze Tal. Es ist dieselbe Linie, die auch zur Stoosbahn und zum Hölloch fährt. Vom Bahnhof Schwyz bis Muotathal Dorf dauert die Fahrt rund 25–35 Minuten.
- Tagesausflug oder länger bleiben? Die meisten Gäste kommen für einen Tag, etwa ab Schwyz, Brunnen oder vom Stoos. Wer länger bleiben möchte, findet einfache Gasthäuser und die Husky-Lodge.
- Reisezeit: Von Mai bis Oktober ist die beste Zeit zum Wandern und für einen Besuch im Wald. Von November bis März locken Höhlenexpeditionen, Schneeschuhtouren und die Huskys. Ein Besuch lohnt sich also zu jeder Jahreszeit.
Häufige Fragen
Wofür ist das Muotatal bekannt?
Das Tal ist bekannt für das Hölloch, die Wetterschmöcker, den Urwald Bödmeren, den Naturjuuz und für Suworows Alpenübergang von 1799.
Lohnt sich ein Ausflug ins Muotatal?
Wer eine ursprüngliche, wenig herausgeputzte Schweiz sucht, kommt hier auf seine Kosten. Im Muotatal treffen Naturrekorde auf gelebte Volkskultur. Dabei liegt das Tal nur zwanzig Minuten vom Vierwaldstättersee entfernt.
Wie komme ich ohne Auto ins Muotatal?
Sie nehmen den Bus 501 ab Bahnhof Schwyz. Er hält bei der Stoosbahn, beim Hölloch und im Dorf Muotathal.
Kann man die Wetterschmöcker erleben?
Ja, ihre Prognose-Versammlungen im Frühling und im Herbst sind öffentlich. Die genauen Daten erfahren Sie vor Ort. Etwas von ihrer Art bekommen Sie aber auch das ganze Jahr über in den Dorfbeizen mit.


